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All applications must be submitted by 31 May 2017 to
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Zum Gedenken an Prof. Dr. Ekkehard Jost (1938-2017)

 
Dem akademischen Wissenschaftsbetrieb und – wenn man es genau nimmt – allen allzu ordentlich normierten Gegebenheiten und Verhaltensanordnungen stand Ekkehard Jost mit großer Skepsis und einer nicht nur wohltuend kritischen, sondern auch äußerst produktiven Distanz gegenüber, deren mitunter auch ver­störende Energie sich nicht zuletzt aus seinem lebenslangen Wirken als Free Jazzer speiste. Am 22. Januar 1938 in Breslau geboren, studierte Jost ab 1959 Musikwissenschaft, Physik und Psy­chologie an der Universität Hamburg und promovierte 1967 bei Hans-Peter Reinecke mit der seine Studienfächer verbin­denden Dissertation Akustische und psychometrische Untersuchungen an Klarinet­tenklängen. Von 1966 bis 1972 arbeitete er als Wissen­schaftlicher Assistent Reineckes am Staatlichen Institut für Musikforschung Berlin und habilitierte sich 1973 an der Universität Hamburg mit der Arbeit Free Jazz. Stilkritische Unter­suchungen zum Jazz der 60er Jahre in einem für die damaligen musikwissen­schaftlichen Umweltverhältnisse schier unglaublichen Arbeitsfeld.
    Im selben Jahr folgte er dem Ruf auf die Professur für Systematische Musik­wissenschaft am Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik der Justus-Liebig-Universität Gießen, die er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2003 inne­hatte, und tat einen weiteren Schritt ins Noch-Nicht-Dagewesene: Er beendete seine zwischen Musikwissenschaftler und Jazzmusiker "gespaltene Existenz", wie er es nannte, und verband seinen bürgerlichen Beruf mit seiner musikalischen Berufung: Das (Jazz-
)Musikmachen wurde zum "Regulativ" für sein theoretisches Nachdenken.
    1975 rief er die Jazzinitiative Gießen ins Leben, die der regionalen Jazzszene bis heute die Richtung weist, er initiierte in Kooperation mit dem Musikinstitut über einen eigens gegründeten Verein zur Förderung zeitgenössischer Musik die Konzertreihe "Musica Nova", die er ebenso wie die weithin bekannten Konzerte im Gießener Botanischen Garten bis zuletzt konzipierte und organisierte, er führte sein eigenes Plattenlabel Fish Music... All dem (und die Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig) ist gemeinsam, dass es recht eigentlich Ein-Mann-Unternehmungen waren, bei denen es zwar durchweg Mitstreiter gab, das ener­gisch-energetische Zentrum aber immer der streitbarste Geist inter pares bildete – erst recht beim Musikmachen in seinen jazzmusikalischen und hochpolitischen Großprojekten von den "Weimarer Balladen" (1992) über die "Cantos de libertad" (Lieder aus dem spanischen Bürgerkrieg, 2006) bis zu den "Liedern gegen den Gleichschritt" (2009) und in seinen hochkarätig besetzten, durchweg auf freie Musik setzenden Bands von Grumpff, Amman Boutz, Carambolage bis Chromatic Alarm.
    Sein Beitrag zum wissenschaftlichen Jazz-Diskurs war wegweisend und in seiner Wirkkraft einzigartig: Free Jazz wurde – vielfach übersetzt – als erste gewissenhafte Auseinandersetzung mit dem noch jungen Phänomen sofort inter­national rezipiert und gilt noch heute als Standardwerk, seine Bücher zum euro­päischen Jazz legten die Grundlage zu seiner angemessenen wissenschaftlichen Verortung, mit Jazzmusiker. Materialien zur Soziologie der afro-amerikanischen Musik legte er gleichsam nebenbei das Gründungsdokument einer Jazzsoziologie vor und seine Sozialgeschichte des Jazz in den USA (1982) bildet auch heute noch einen äußerst lesenswerten, historisch-materialistisch fundierten Gegenentwurf zu den biographistisch-kanonisierenden Meistererzählungen. Überhaupt ist Josts "Schreibe" eine der Philologensprache aufs Angenehmste sich widersetzende – und eine, die sich hören lassen kann: nicht ohne Grund sind seine pointierten Radio-Features, entstanden im Laufe seiner jahrzehntelangen Mitarbeit in den Jazzredaktionen der Öffentlichen-Rechtlichen, vielen Jazzinteressierten unver­gesslich.
    Ekkehard Jost war Gründungsmitglied und lange Jahre Vorstands- und Bei­ratsmitglied des Arbeitskreises Studium Populärer Musik (Vorstand 1986-90, Beirat 1991-2006) und des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung in Darmstadt (1980-92, Vorsitz 1989-92) sowie in den 1970er Jahren im künst­lerischen Beirat der Union Deutscher Jazzmusiker und seit 1969 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Inter­nationalen Gesellschaft für Jazzforschung in Graz. Im Jahr 2000 wurde er mit dem Hessischen Jazzpreis ausgezeichnet.
    Am 23. März 2017 ist Ekkehard Jost 79-jährig nach kurzer Krankheit in Marburg verstorben. Allen, die mit ihm Musik gemacht oder gearbeitet haben, von ihm gelernt oder ihn auch nur kennengelernt haben, wird er in Erinnerung bleiben als Vorstreiter einer sinnhaften Entgrenzung engformierter Wissenschaft, als Baritonsaxophonist und Bassklarinettist, der seine Hörer mit schrägen Klängen und gefährlich schrillen Töne jenseits der Grifftabelle begeisterte, und vor allem : als hellwacher und hochpräsenter Initiator und Aktivist, wie er in keinem Buche steht. Evviva Ekkus!

 

Thomas Phleps

 

Zum Gedenken an Prof. Dr. Winfried Pape (1936-2017)

 
Am 21. Februar 2017 ist Winfried Pape nach kurzer Krankheit in Aachen verstorben. Am 6. April 1936 in Hagen (Westfalen) geboren, studierte er 1956-57 Violoncello an der Musikhochschule Hannover (Klasse Rudolf Metzmacher) und 1957-62 an der Musikhochschule Saarbrücken (Meisterklasse Maurice Gendron), Das parallele Stu­dium der Musikwissenschaft an der Universität des Saarlandes schloss er 1962 mit  der Dissertation Die Entwicklung des Violoncellspiels im 19. Jahrhundert ab und war danach als Orchestermusiker in Herford und Hamburg (Solocellist) und Kammer­musiker tätig. 1967 legte er in Aachen die 1. Staatsprüfung für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen ab und wurde wissenschaftlicher Assistent an der Pädagogischen Hochschule Rheinland, Abteilung Aachen (1970 Akademischer Rat, 1972 Oberrat). Er habilitierte sich 1976 für das Lehrgebiet "Musik und ihre Didaktik" und nahm zwei Jahre später den Ruf auf die Professur für Musikpädagogik am Institut für Musik­wissenschaft und Musikpädagogik der Justus-Liebig-Universität Gießen an, die er bis  zu seiner Emeritierung 2002 innehatte. Neben seinen Arbeiten auf dem Gebiet der Instrumentenkunde – er verfasste mehrere Standardwerke – erkannte und rekla­mierte er als einer der ersten die Relevanz populärer Musik und Jugendkulturen für die musikpädagogische Forschung und Lehre. Am Gießener Institut für Musikwissen­schaft und Musikpädagogik implementierte er federführend die fachdidaktischen  und fachpraktischen Schwerpunkte Populäre und Neue Musik in die Musiklehrer­ausbildung.
    Winfried Pape war lange Jahre im Vorstand (1990-1993) und wissenschaftlichen Beirat (1996-2001) des ASPM, außerdem Vorstandsmitglied der Bundesfachgruppe Musikpädagogik (BFG) sowie – bis zu seinem Tode – im Vorstand der Aachener Gesellschaft für Zeitgenössische Musik (GZM) und Mitherausgeber der ASPM/GfPM-Schriftenreihe „texte zur populären musik“. Aber vor allem war Winfried Pape ein kritischer und wacher Geist, ein musikalisch Hochgebildeter und Höchstversierter, ein Musikprofi, der sich kein His für ein C vormachen ließ, ein unermüdlicher, mitunter unerbittlicher Diskutant und zugleich ein warmherziger, humorvoller Geschichten­erzähler : er war ein großartiger Mensch!

 

Thomas Phleps